7 Touren / ➡︎ 610 km, ⬆︎ 7560 m

Wie schön es doch ist, dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen. In meinem Bayerischen Wald. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Und ja, hier bin ich definitiv daheim und ich denke, nicht zu untertreiben, dass nicht nur der Woid und die Menschen ein wesentlicher Teil meines Lebens sind, ich bin dort auch quasi ein Bestandteil, man kennt mich und ich denke und hoffe, man schätzt mich auch. Falls ich das doch falsch interpretiere, müsste ich noch mal mit meiner Therapeutin über eine mögliche narzisstische Störung reden ;) Als Hypochonder und Alles-Hinterfrager habe ich das Thema jedoch schon öfter mal bei ihr angesprochen und sie meinte mit einem breiten Lächeln im Gesicht, allein dass ich so etwas anspreche, zeigt, dass ich es nicht bin. Hoffen wir, es bleibt so.

Zurück zum Thema: Ich bin aufgrund von viel Trubel und To-dos und damit verbundenen kurzen Nächten ziemlich verstrahlt und gehetzt am 24.07. in Bayern gelandet, sofort nach einer kurzen Gesichtsdusche in ordentlichen Zwirn gehüpft und sodann mit dem mitgebrachten Gesicht und der trägen Müdigkeit zum Arbeiten nach Bad Kötzting. Wenn ihr euch fragt, was der Pohl denn in Bad Kötzting arbeitet, er hat doch einen Job und genug zu tun: Ja, jedoch arbeite ich seit Dezember letzten Jahres hin und wieder abends in der Bayerischen Spielbank und helfe im Restaurant Edelstein (mega leckeres Essen und eine super liebe Chefin, und natürlich fetzen alle im Spielbankbetrieb), wenn mal wieder Veranstaltungen sind, Ausfälle oder Kollegen Urlaub haben.

Ich liebe diese Abwechslung zum normalen Projektalltag mit dem selbst zu koordinierenden Stress. Es ist auch mal Balsam für den Geist, feste Zeiten und Struktur definiert zu bekommen und auch mal mit Kollegen zu arbeiten, zu albern und sich auszutauschen, auch mal blöde abzulästern, aber in einem herzlichen Rahmen. Und nicht zuletzt feiere ich das meist durchgehend positive Feedback der Gäste und manchmal ist es nur ihr Strahlen, wenn sie mich sehen. Ich würde lügen, zu sagen, es ist mir nicht bewusst, wie ich wahrgenommen werde. Ein herrlicher Flow und dann noch von super netten Menschen meiner schönen bayerischen Zweitheimat umgeben zu sein.

Ansonsten habe ich tagsüber versucht, meine Designprojekte zu bedienen und abzuarbeiten. Die Betonung liegt auf „versucht“, das meiste habe ich nicht in dem Umfang geschafft, wie ich es plante. Zwischen der Arbeit lockten die Natur, das Wetter und das ungeduldige, aufdringliche Durchdrehen Henriettes Reifenprofils. Klar will sie das Auf und Ab in kurzen und längeren Runden genießen. Und als höriger Untertan meines weiblichen Trettesels ergebe ich mich ihren Wünschen so gut es eben geht.

Dieses Mal gab es nur 4 Nachmittagsrunden (-Ründchen) und eine feine längere Tour zum Moldaustausee mit zwei wilden Nächten und insgesamt 388 Kilometern.

Am 26. Juli ging es stürmisch, dennoch gut sonnig Richtung Böhmen. Hoch nach Hofberg und dann abenteuerlich über einen abgesperrten Privatweg, der auf einen nicht mehr existierenden Waldpfad führte, in die böhmische Einsamkeit des Waldes. Hexe Baba Jaga hätte auch hier wohnen können. Aber keine Angst, es war nun auch kein Urwald, den man nur mit Axt und Machete hätte durchqueren können, aber ein Wald ohne Weg und alles andere als zum Radeln bestimmt. Aber zurück wollte ich nicht. Also blieb nur der Weg durch Gestrüpp, über Baumstämme und schließlich, nach Verlassen desselbigen, quer über einen Acker, um irgendwie einen weiterführenden Weg zu sichten. Bei allem, wo wir durch sind, entdeckte Henriette ihre kitzlige Art und gab kontinuierlich ganz entzückte Geräusche von sich.

Anschließend strampelte ich durchs Böhmische, hoch und runter, zurück nach Deutschland, vorbei am Drachensee bei Furth im Wald und zu meiner Unterkunft bei Neukirchen beim Heiligen Blut – idyllisch gelegen und ich werde hier von Andreas Schwester und deren Schwiegerleit regelmäßig mit leckerem Kuchen versorgt.

Am 29. Juli musste ich abends nicht arbeiten und entschied mich für eine minimal ausgeprägtere Tour. Aus Richtung Neukirchen ging es über Tanneck, runter und hoch nach Lam und Lohberg, hoch zum Arber. Der offizielle Fahrradweg zum Arber, den ich bereits von mehreren Touren kenne, ist mir in der Planung ein Rätsel. Mega steil und dann loser Untergrund. Nicht wirklich ein Hit, da Henriette mit ihrem sexy blauen Profil nicht wirklich dafür gereift ist. Ich denke oft, die, die so was als Fahrradweg definieren oder planen, sollten die Wege mindestens einmal selbst fahren und zwar ohne E- vor dem Bike. Würde gern wissen, ob es dann immer noch offizielle Fahrradwege werden würden. Da ich die Tierwelt in den Höhenlagen vor meinem lauten Gemecker und Gefluche aufgrund des Fahrradweges verschonen wollte, bin ich lieber gleich die Straße nach oben. Hinter dem Langlaufzentrum Scheiben auf 1060 hm kommt die Hindenburgkanzel, direkt an der Straße. Unzählige Male bin ich dort vorbei. Noch nie angehalten und hochschlawenzelt. Jetzt dann doch mal geschafft. Eine wirklich herrliche Aussicht mit Blick in den Lamer Winkel, mit Osser, Hohenbogen und und und. Eigentlich ein Wandererlebnis für Autofahrer ohne zu wandern.

Weiter ging es runter nach Bayerisch Eisenstein, rüber nach Tschechien und sofort hoch zum Špičák. Da ich meinen kleinen Zeh drei Tage zuvor ordentlich gegen den Türrahmen gerammelt habe und nun dieser und der vordere Bereich meiner rechten Polterplatte nicht nur aussieht wie ein schlechtes Aquarell eines gestressten ADHS-Kindes und fett wie ein überdimensionierter adipöser Babyfuß, sondern auch noch ziemlich schmerzt, ist das Treten nicht ganz wie gehabt. Henriette in ihrem jugendlichen Elan feuert mich an und ich solle mich nicht so haben. Also suche ich mir geistig einen Freudengrund, nach oben zu strampeln: Ja, oben bestelle ich mir meine Gemüse-Pommes mit Pute, auf die ich schon die ganze Zeit scharf bin. Also Pobacken so gut es geht zusammenkneifen (beim Flacharsch kein einfaches Unterfangen) und weiter geht es. Ich sehe am Höhen-Peak schon das Restaurant, die Freude steigt … Nun steh ich oben vor der Eingangstür. Die Gesichtslähmung startet: Kacke, die haben Feierabend. Das war es dann mit dem Essen … Zum Glück, höre ich Henriette hämisch säuseln, werde ich wohl nicht an Unterernährung dahingerafft werden und ich solle hinmachen, sie will noch bissel was sehen.

Die Abfahrt nach Hamry: Mega … 12 Kilometer und nur schick und auch steil abwärts. Auch in Hamry muss ich Hunger darben und es geht ohne Essen heimwärts. Vorbei geht es am Stausee Nýrsko und ich denke, Bob Ross würde mit dem Malen nicht mehr hinterherkommen bei diesen schönen Landschaften und Perspektiven.

Am 01. August hatte ich frei, aber es wurde nicht geradelt, denn an diesem Tag war der ursprüngliche Grund meiner Zeit in Bayern: das Helmhoffest auf dem Hof von Tina und Mathias, mit vielen lieben und bekannten Menschen in einem tollen Hofambiente und genügend zum Essen und Trinken. Herrlich fein und nicht zuletzt hatte die liebe Rita, Frau des Hausleiters und meines Chefs zu meiner Zeit in Lambach, Geburtstag.

Nach wirklich arg wenig Schlaf ging es am 02. August dann auf die Moldaustausee-Tour bis zum 04. August, die ich separat beschreibe.

In den letzten fünf Tagen meines Arbeitsaufenthaltes, mit argen Schmerzen in der rechten Brust durch eine heftige Rippenprellung, die ich mir auf der Moldaustausee-Tour eingefangen habe, ging es am 8. August noch mal hoch und runter nach Bad Kötzting, entlang des Regens Richtung Cham. Cham wird im Übrigen nicht „Scham“ ausgesprochen, denn Christus heißt ja auch nicht Schistus ;). Von Chamerau ging es entspannt an der Chamb Richtung Furth im Wald und dann wieder rechts hoch zurück.

Die letzte Minitour führte mich am 09. August noch mal hoch in mein geliebtes Lambach, hier, wo ich als Zivi im Februar 2000 das erste Mal gelandet bin. Sonja und ich haben uns dort verabredet. Für sie und für mich ist dieser Ort so unglaublich prägend gewesen. Nach über 10 Jahren, in denen wir das Haus nicht mehr betreten hatten, war es an diesem Tag Premiere. Hier im Kolpinghaus hatten wir, auch unabhängig voneinander, die schönsten Zeiten unseres Lebens. Ein magischer Ort für uns, mit vielen Emotionen und immer mit dem Blick auf den für mich schönsten Berg des Bayerischen Waldes, den Osser. Ein wirklich schöner und emotionaler Ausflug mit dem Bewusstsein, wie viel Zeit doch schon vergangen ist, aber dieser Ort und die Erinnerungen so präsent sind und vermutlich bis ans Lebensende bleiben werden.

Am 10. August ging es nach zwei Wochen Arbeitseinsatz wieder heim. Heim nach Magdeburg mit dem schönen Gefühl, auch in Bayern daheim zu sein und bald wieder obe (runter) zu fahren.

Ach ja, wenn ihr mal in der Gegend seid und eine Ferienunterkunft/Ferienwohnung benötigt: Ferienwohnung Laurer, nahe Neukirchen beim Heiligen Blut, kann ich allein wegen der lieben Menschen, des Hundes Rocky, der Katzen, Ziegen und der Lage nur empfehlen.

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